Jean Ribault hatte in dem Grabhügel der Chimús einen zweiten, nach Osten liegenden Ausgang entdeckt und war ins Freie geschlüpft. Er sicherte nach allen Seiten und glaubte, nicht gesehen worden zu sein. Aber da geschah es. Ein Zischen ertönte, und ein Pfeil sauste heran. Ribault versuchte noch, ihm auszuweichen, war aber nicht schnell genug. Der Pfeil durchbohrte seinen rechten Oberschenkel. Und schon schwirrte ein zweiter Pfeil auf ihn zu. Er duckte sich. Dennoch erwischte ihn das Geschoß und zog ihm einen Scheitel über die Kopfhaut. Ein dritter Pfeil streifte seinen linken Arm…
Der Hafen erbebte plötzlich, als die Galeeren das Feuer auf die englischen Schiffe eröffneten. Gelbrote Blitze zuckten auf, ein wildes Donnern rollte über die Reede, und die beiden ersten Galeeren spien ihren tödlichen Eisenhagel aus. Gewaltige Fontänen schossen aus dem Wasser, stiegen in den Himmel und fielen wieder in sich zusammen. Ein Orkan aus glühendem Eisen fegte über die «Isabella» weg, als die dritte Galeere ihre Salve abfeuerte. Die vierte Galeere schob sich auf das Flaggschiff der Engländer zu…
Wieder raste eine Musketenkugel heran. Sie prallte gegen den Runenstein und jauelte mit veränderter, himmelwärts gerichteter Bahn über die Köpfe Carberrys und Stenmarks weg. Sie duckten sich tief auf den felsigen Boden der kleinen Insel. Carberry fluchte sich die Seele aus dem Leib. Er und seine Bootscrew lagen wie auf dem Präsentierteller. Nicht mal Waffen hatten sie dabei, und es sah so aus, als seien die Finnen wild darauf, ihnen einen nach dem anderen das Lebenslicht auszublasen. Luke Morgean hatte es bereits erwischt, wie schwer, das konnten sie noch nicht feststellen. Aber ein Pfeil steckte in seiner linken Schulter, und Luke rührte sich nicht…
Fünf Hunde hatten Caligula umzingelt und schnappten nach seinen Beinen – es waren Bluthunde. Einer versuchte, an ihm hochzuspringen und seine Kehle zu packen. Caligula setze sich mit der Kette zur Wehr, mit der er immer noch gefesselt war und die er seit seiner Flucht noch nicht hatte sprengen können. Womit auch! Er hielt sie mit beiden Händen und ließ sie wirbeln. Der erste Hund brach blutend zusammen. Caligula schöpfte Hoffnung und drosch wie ein verrückter mit der Kette auf die anderen Tiere ein – auf Köpfe, Nacken, Rückrat, gegen Kiefer und Beine. Winselnd gingen wieder zwei Bluthunde zu Boden. Jetzt hatte er nur noch zwei dieser Bestien gegen sich. Sie sprangen um ihn herum, knurrend, gereizt und wild darauf, zuschnappen zu können........
Es war nach Mitternacht. Die «Isabella» hatte das Kap der Landzunge kaum gerundet und steuerte mit Südkurs den spanischen Verband an, da blitzte es an der Bordwand der größten Galeone auf, und eine komplette Backbordbreitseite hagelte auf die Seewölfe zu. «Zu kurz» sagte Phillip Hasard Killigrew lakonisch – und da waren die eisernen Grüße schon da. Vor dem Bug der «Isabella» stiegen rauschende Wasserfontänen hoch. Keine der 17-Pfünderkugeln traf das Ziel. Die Fontänen fielen wieder in sich zusammen, und die «Isabella» pflügte durch das aufgewühlte Wasser unbeschadet weiter auf den Verband zu. Noch war gar nichts entschieden…
Seit Jahren war sie eine Legende, diese Galeone, die einmal im Jahr mit Waren aus China quer über den Stillen Ozean nach Acapulco segelte und mit dem Gegenwert der Waren in Form von Gold und Silber nach China wieder zurückkehrte. Alle Schnapphähne zur See waren scharf auf die Galeone, aber nie wußte man, wann sie Acapulco verließ und welchen Kurs sie nahm. Wahrscheinlich gehörten die Dinge, die dieses Schiff betrafen, zu den bestgehütetsten Geheimnissen der Spanier – bis die Manila-Galeone den Kurs der Seewölfe kreuzte…
Magellans Männer waren 1521 auf jenen unbekannten Inseln gelandet und hatten sie voller Ärger «Ladronen» – Diebesinseln genannt, weil die Eingeborenen sie bestohlen hatten, eine etwas merkwürdige Namensgebung, wenn man bedenkt, was die spanischen Eroberer und Konquistadoren in den Ländern der Neuen Welt alles mitgehen ließen. Über sechzig Jahre später landeten auch die Seewölfe und die Männer des schwarzen Seglers auf den Ladronen – und wurden bestohlen. Das war gar nicht nach Philip Hasard Killigrews Geschmack, und dennoch schaffte er es, den obersten Spitzbuben zum Freund zu gewinnen, obwohl der Häuptling geplant hatte, die Köpfe der weißen Fremden zu Schrumpfköpfen zu verarbeiten…
In der Bucht, welche die «Estrella de Málaga» und die «San Lorenzo» angelaufen hatten, um auf der Galeone eine neue Culverine zu montieren, sah es schaurig aus. Auch hier hatte die fürchterliche Flutwelle zugeschlagen. Durch den Buchtzugang gepreßt, hatte sich ihre Gewalt noch gesteigert. Mit elemetarer Wucht war sie auf die umliegenden Felswände geprallt und hatte Bäume und Sträucher entwurzelt. Treibgut schwamm im Wasser – tote Fische, Tang, Quallen und Krebse. Sogar ein Riesenkrake hing aufgespießt über einem Felszacken – und von Kraken hatten die Seewölfe und die «Le Vengeurs» die Nase voll. Dieser Krake war schon tot, dafür jedoch bot die Bucht noch andere Überraschungen – zum Beispiel die Leiche einer Frau…
Carberry schoß, der Schuß brach mit einem lauten Donnerhall. Ferris Tucker ließ den Pfeil von der Sehne schwirren. Nanoq wankte, ließ von der Höhle ab, in der sich Batuti gegen ihn verteidigt hatte, wandte sich zornig ihnen zu und richtete sich blutend und mit dem Pfeil im Nackenpelz zu seiner ganzen Größe auf. Und so stapfte er auf die beiden Seewölfe zu, aufrecht, mit erhobenen Tatzen. Carberry ließ die Muskete fallen und packte seinen Schiffshauer. Ferris Tucker warf den Bogen fort und griff zu seiner Zimmermannsaxt. Und mit diesen Waffen gingen sie den Riesen an – es war ihre letzte Chance, sich gegen diesen Koloß zu behaupten…
Afonzo de Escobedo, der neue Gouverneur von Kuba, hatte einen Gefangenen bei sich, als er Havanna um Mitternacht zu Pferde verließ. Den Gefangenen trieb er vor sich her. Er führte ihn an einer Fangleine und setzte die Peitsche ein. Dieser gefesselte Mann war in der Folter gebrochen worden, und jetzt sollte er de Escobedo zum Schatzversteck des Don Antonio de Ouintanilla bringen. Daran bestand kein Zweifel. Ob er sein Versprechen halten würde, ihn laufenzulassen, wenn das Versteck erreicht war, das war allerdings eine andere Frage, denn Zeugen beseitigte man. Jean Ribault und Roger Lutz zögerten nicht, dem Reiter und seinem Gefangenen zu folgen…
Sie verhielten sich ganz friedlich, die Arwenacks, als sie mit der ihrer in Varna stibitzten Dubas auf die Fischerboote zusegelten, um Erkundigungen einzuziehen. Doch die Fischer reagierten merkwürdig, als sie die Dubas sichteten. Einige setzten Segel und flüchteten, andere holten schleunigst ihre Netze ein. In einem Boot bückte sich ein Kerl, förderte einen Schießprügel zutage, eine Donnerbüchse, die er auf eine Gabel auflegte. «Der wird doch wohl nicht», sagte der Profos Carberry erzürnt. Und da krachte auch schon der Schuß. Die Kugel zischte über den Schädel von Carberry und hätte ihm einen feinen Scheitel gezogen, wenn er nicht etwas in die Knie gegangen wäre. «Du Affenarsch» röhrte der Profos zornerfüllt…
Capitan Garcia y Marengo, Befehlshaber eines spanischen Geleitzugs von fünf Schiffen, hielt nicht viel von dem niederen Schiffsvolk. Aber dann beging er den Fehler, von der «spanischen» Galeone «Isabella» sechs Männer zu requirieren, weil seine Schiffe unterbemannt waren. Er ahnte nicht, daß er sich Seewölfe an Bord holte. Und als die ihre Zähne zeigten, war es zu spät für den Capitan, noch das Steuer herumzureißen…
Old O´Flynn war nicht scharf darauf, sich von den Schergen Uluch Alis foltern zu lassen. Einen letzten Trumpf hatte er noch im Ärmel, und den spielte er jetzt aus. Fünf Minuten später hatte er sich seiner Fesseln entledigt und wartete lauernd, bis sich Schritte näherten. Lautlos erhob er sich und stellte sich neben die Tür. Draußen auf dem Gang vor dem Kelleraum klirrten Schlüssel. Einer wurde ins Schloß gesteckt. Dann wurde die Tür aufgedrückt, und jemand betrat den Raum. Old O`Flynn wartete einen Moment, dann rammte er die Tür vor. Sie prallte dem Kerl genau vor die Stirn, er ächzte, Sekunden später sackte er zusammen. Old O`Flynn grinst, schob sich hinter der Tür vor und verpaßte dem Kaftanmann sicherheitshalber noch einen Jagdhieb mit der Faust…
Die erste Breitseite raste auf die «Isabella» zu. Der Seewolf hielt hartnäckig den Kurs. Die «Isabella» wandte der «Caribian Queen» die Bugpartie zu und bot nur ein schmales Ziel. Wie auf Kommando lagen die Arwenacks bäuchlings auf den Planken – keine Sekunde zu spät, denn die Kugeln waren heran. Vier, fünf Stück orgelten vorbei, an Backbord und an Steuerbord. Doch der Rest der Breitseite lag im Ziel. Es prasselte, krachte und barst, etwas schien von unten her die Galion aufzuschlitzen. Der Bugspriet ruckte hoch, die Blinden flatterten an ihren Rahen, Hämmer schienen gegen die vordere Querwand der Back geschmettert zu werden. Trümmer wirbelten durch die Luft…
Irgendwo zwischen Formosa und den Batan-Inseln schlug der Gott des Windes und der Wellen zu. Zuerst schralte der Wind und schickte seine Vorläufer aus Nordosten – pfeifende Böen, die bereits das Verhängnis ahnen ließen. Die See wurde kabbelig. Die «Isabella» begann in der See zu schwanken und zu taumeln. Das Wetter verschlechterte sich von Minute zu Minute. Es wurde zunehmend kälter. Dann heulte ein fast eisiger Wind durch die Wanten und Pardunen, wie er schneidender auch im Nordatlantik nicht hätte sein können. Die Galeone wurde geschüttelt und tauchte in immer tiefere Wogentäler. Ja, so kündete er sich an – «Taifung», der «Große Wind», wie ihn die Chinesen nannten, und die See war sein Schlachtfeld…
Philip Hasard Killigrew, der Seewolf, tat das, was seine Crew niemals von ihm erwartet hätte, aber er tat eben immer das Unerwartete. Er strich die Flagge. Denn die Falle, in der die «Isabella VIII.» steckte, war so perfekt aufgebaut, daß jeder weitere Kampf sinnlos war und für die Seewölfe zu einem Massaker geworden wäre. Denn die Galeone saß unverrückbar auf einer Sandbank fest, und um sie herum hatte eine Armada schwerer spanischer Kriegsschiffe Aufstellung genommen…
Da saßen sie also in einer Jolle – Kapitän Stewart, abgehalfteter Kommandant der «Dragon», O'Leary, der wüste Bootsmann des alten Killigrew, und die fünfzehn Kerle der «Lady Anne», die von den Seewölfen gekapert worden war. Noch etwas befand sich in der Jolle, nämlich zwei Kisten Goldbarren. Zwar bildete sich Kapitän Stewart ein, daß die beiden Goldkisten ihm gehörten, aber O'Leary und seine fünfzehn Schlagetots waren anderer Ansicht und sich völlig einig, daß da einer zuviel an Bord wäre – der Kapitän Stewart. Die Affen von der Marine stanken Sir Johns Galgenvögeln sowieso. Also besorgte es O'Leary dem Kapitän. Als Stewart übers Heck ins Wasser klatschte, johlten sie vor Begeisterung…
Es lag am Strand von Little Cayman, dunkel und geheimnisvoll, und noch nie hatte jemand gewagt, das Deck dieses eigenartigen Schiffes zu betreten. Man sagte, wer es dennoch täte, würde auf entsetzliche Weise sterben. Philip Hasard Killigrew und ein paar beherzte Männer seiner Crew hielten nichts von solchen Sprüchen. Nur die Rote Korsarin wußte mehr über das schwarze Schiff, aber sie schwieg, als die Männer an Bord kletterten…
Juan Vargas war einer der übelsten Kerle, die jemals unter der Flagge Philipps II. von Spanien gesegelt waren. Die Männer, die unter seinem Kommando an Bord der Dreimastgaleone «Santa Barbara» fuhren, hatten nichts zu lachen. Vargas herrschte mit tyrannischen Methoden über das Schiffsvolk. Bei ihm gab es die meisten Hiebe mit der Neunschwänzigen und den schlechtesten Fraß. Nichtigkeiten genügten, ihn in Wut und Rage zu bringen. Tampenlaufen und Kielholen gehörten ebenfalls zu seinen Mitteln, um den Kerlen Respekt beizubringen. Dieser Mann wurde eine harte Nuß für Philip Hasard Killigrew, denn leider hatte Vargas vierzig gefangene Arawak-Frauen an Bord…
Sie hatten sich als «Schiffbrüchige» vom Floß auf den kleinen Anderthalbmaster bergen lassen – Caligula und zwei Schnapphähne aus der Restcrew der Black Queen. Und dann ging alles sehr schnell. Caligula sprang auf, packte den Kapitän blitzschnell, zog ihn zu sich heran, hatte das Messer wie durch Zauberei in der Hand und stach zu. Der Kapitän war völlig überrumpelt. Seinen sechs Männern erging es nicht anders. Sie blickten noch voller Entsetzen auf das, was sich ihren Augen bot, da waren auch schon Pablo und der andere Kerl auf den Beinen und drangen mit ihren Messern auf sie ein. Die Klingen blitzten, und Sekunden später brachen zwei Spanier auf den Planken zusammen…
Luis Carrero riß die eine der beiden erbeuteten Pistolen heraus. Er drehte sich halb um, spannte den Hahn, legte auf die Hündin an und drückte mit wutverzerrtem Gesicht ab. Die Wölfin schien den Schuß geahnt zu haben. Sie schnellte zur Seite. Carrero feuerte auf den huschenden Schatten, der aber plötzlich hinter einem Uferfelsen verschwand. Es schien sie nie gegeben zu haben, diese teuflische Wolfshündin. Es wirkte, als habe sie sich in Luft aufgelöst wie ein Spuk. Der Schuß donnerte in die Nacht – und ging fehl. Irgendwo prallte die Kugel von den Felsen ab und jaulte als Querschläger davon. Carrero stöhnte auf. Dann schleuderte er wie von Sinnen die Pistole von sich und hetzte weiter.....
Pater David erhielt von den Zuständen an Bord der spanischen Fracht-Galeone einen ersten Eindruck, als er in den großen Laderaum hinunterstieg. Unwillkürlich blieb er auf den Stufen des Niedergangs stehen und preßte die rechte Hand vor den Mund. Ein infernalischer Gestank schlug ihm entgegen – doch das war nichts im Vergleich zu dem erbarmungswürdigen Bild, das sich im nächsten Moment seinen Augen darbot. Da hockten sie im trüben Schein einer einzigen Ölfunzel: nackte und halbnackte Gestalten, deren fiebrig glänzenden Augen sich auf den großen Mann richteten. Abgezehrt und ausgemergelt waren sie, bis auf die Knochen abgemagert, verschmutzt und verwahrlost. Längst waren ihre Tränen versiegt – wie ihre Hoffnung, jemals wieder frei zu sein…
"Zur Hölle mit den Franzmännern!", schrie Hasard, schwenkte auf dem Achterdeck der «Hornet» eine der drei Drehbassen herum und hielt die Lunte an den Zündkanal. Die Glut sprang über und fraß sich durch das Zündkraut. Dann ruckte der Hinterlader in seiner drehbaren Gabellafette und spuckte seine Ladung zum Flaggschiff des Gegners hinüber. Die Kugel saß. Sie rasierte dem Franzosen ein Stück des Schanzkleides auf dem Vordeck weg. Der Seewolf feuerte auch die beiden anderen Drehbassen ab – wieder mit Erfolg. Aber dann begannen die Culverinen des Gegners erneut Tod und Verderben auszuspucken, und die ohnehin arg lädierte «Hornet» erzitterte unter den Einschlägen…
Die «Isabella» sollte geentert werden, soviel schien klar zu sein. Acht Boote waren es, die den Rio Grande abwärts auf die Galeone zusteuerten und das Feuer eröffnet hatten. Wieder knallten Musketen, und die Kugeln prasselten gegen die Bordwand. Smoky zündete eine Drehbasse auf der Back, der Schuß verließ donnernd das Rohr. Zwischen zwei Booten schlug die Kugel ins Wasser, eine rauschende Wassersäule stieg auf. Die Kerle in den Booten brüllten lauthals. Inzwischen waren auch fünf, sechs Arwenacks zur Stelle und schoben die Läufe ihrer Musketen und Tromblons über die Balustrade der Back. Dort war vorerst der beste Verteidigungspunkt. Noch konnten die 25pfünder und die 17pfünder nicht eingesetzt werden…