Am Strand erschien ein dürres Individuum, das von Carberry gleich als «seltsamer Heiliger» bezeichnet wurde. Der Kerl sah in der Tat merkwürdig genug aus. Er hatte lange und strähnige schwarze Haare, die ihm bis weit über die Schultern fielen, und trug um den dürren Oberkörper einen Fetzen, der sich früher mal Hemd genannt hatte, jetzt aber überwiegend aus Löchern bestand. Um die Hüfte war eine Art Lendenschurz geschlungen, an der Seite hing ein abgewetzter alter Lederbeutel. Das merkwürdige Individuum war rein aus dem Häuschen, als es die Schebecke auf die Insel zuhalten sah. Es schrie und keifte, hüpfte von einem Bein aufs andere und benahm sich wie ein Irrer, der einen Veitstanz aufführt. Der Kerl vollführte dann einen Handstand, sprang wieder auf die Füße und kratzte sich mit beiden Händen den Kopf, als wolle er sich die Haare raufen…
"Feuer frei!" rief Philip Hasard Killigrew. Al Conroy, der Stückmeister, wartete einen Atemzug lang, bis sich die Lage des Rumpfes stabilisiert hatte, dann senkte er die Lunte auf das Zündloch. Das Pulver brannte blitzesprühend ab, dann zuckte die mehr als halbarmlange Flamme aus der Mündung. Rohr und Lafette wurde zurückgeworfen, eine graue Wolke Pulverdampf stieg auf und wurde bugwärts davongetrieben. Al Conroy sprang zum nächsten Geschütz und zündete es, ohne sich um die Flugbahn des ersten Geschosses zu kümmern, aber dann blieb er stehen und schaute aus zusammengekniffenen Augen hinüber zu der Karavelle. Jawohl, Treffer! Und da zündete der Stückmeister die beiden nächsten Culverinen…
Am Strand erschien ein dürres Individuum, das von Carberry gleich als «seltsamer Heiliger» bezeichnet wurde. Der Kerl sah in der Tat merkwürdig genug aus. Er hatte lange und strähnige schwarze Haare, die ihm bis weit über die Schultern fielen, und trug um den dürren Oberkörper einen Fetzen, der sich früher mal Hemd genannt hatte, jetzt aber überwiegend aus Löchern bestand. Um die Hüfte war eine Art Lendenschurz geschlungen, an der Seite hing ein abgewetzter alter Lederbeutel. Das merkwürdige Individuum war rein aus dem Häuschen, als es die Schebecke auf die Insel zuhalten sah. Es schrie und keifte, hüpfte von einem Bein aufs andere und benahm sich wie ein Irrer, der einen Veitstanz aufführt. Der Kerl vollführte dann einen Handstand, sprang wieder auf die Füße und kratzte sich mit beiden Händen den Kopf, als wolle er sich die Haare raufen…
Mehr als zehn Jahre hatte Timotheus Jakobus Patterson als letzter Überlebender auf einer der Malediveninseln gehaust, vor der seine Karavelle aufgelaufen war. In dieser Zeit war er schrullig geworden. Eines Nachts war ihm der Herr im Traum erschienen und hatte ihm befohlen, einen Kasten zu bauen. Von da an hielt sich Timotheus für Noah, der dazu auserkoren war, den Rest der Welt vor dem Untergang zu bewahren. Er sollte eine Arche bauen, und das tat er, indem er die alte Karavelle ausbesserte und wieder so hinkriegte, daß sie einigermaßen seetüchtig war. Und dann ging er mit dem vergammelten Kahn in See – samt einigen Affen, Papageien, Ziegen, Ratten und Schweinen. Als er der Schebecke der Seewölfe begegnete, beschimpfte er sie als Hurenböcke, die in sich gehen und beten sollten, denn der Weltuntergang stehe bevor…
"Die Arme schön nach oben", sagte eine Stimme in hartem Englisch, das sich wie das Knarren von Windmühlenflügeln anhörte. «Sonst habt ihr alle drei ein Loch im Kopf!» Hasard war fassungslos, so mit seinen Söhnen überrumpelt zu werden. Er wollte nach seinem Radschloß-Drehling greifen, doch er blickte genau in den Lauf einer Muskete, die aus dem Gebüsch schräg von oben auf ihn gerichtet war. In dem Mangrovengestrüpp hockte ein scharfgesichtiger Mann mit blonden Haaren und harten Augen. Einen weiteren mit einem dunkelblonden Vollbart entdeckte er etwa fünf Yard vor sich. Auch er hielt eine Muskete auf sie gerichtet. Weiter hinten bewegte sich ein dritter Musketenträger, der bis an die Hüften im Sumpf stand und schmal grinste. Der Teufel mochte wissen, wie viele Kerle hier noch im Verhau stecken mochten. Den drei Seewölfen blieb nichts anderes übrig, als mit den Fingern in den Himmel zu greifen…
Wilton Smithfield, Dritter Offizier der «Glorious», und sechs Männer hatten den Untergang ihrer Galeone überlebt und waren im Stützpunkt der Korsaren freundlich versorgt worden. Zum Dank stahlen sie die «Empress of Sea II.» des Old O´Flynn und ließen einundzwanzig Schatzkisten mitgehen. Und dann verrieten sie die Position des Stützpunktes auf der Insel Great Abaco an die Spanier – in der Hoffnung, von den Schätzen der Korsaren noch mehr zu erraffen und das Kopfgeld zu kassieren, das von der spanischen Krone auf die Ergreifung des Philip Hasard Killigrew ausgesetzt worden war. Ja, die Spanier versprachen dem Milton Smithfield eine «biblische Belohnung», und als er sie empfing, wurde er weiß vor Wut, denn es war nur ein Ledersäckchen mit dreißig Silbermünzen. Der Judaslohn, wie der Spanier verächtlich sagte, die «biblische Belohnung», wie sie auch Judas Ischariot erhalten hatte…
An Deck der Schebecke bewegten sich abenteuerliche Gestalten, deren Anblick dem Kriegsminister der Vereinigten Staaten von Amerika das Blut in den Adern gefrieren ließ. Das ist wahrhaftig noch besser als im Theater, dachte er. Jedenfalls wirkte es absolut echt. Schaurig und schön zugleich, aber widerum auch befremdlich. Sein Herz klopte laut. Achtern auf dem Deck des seltsamen Schiffes stand ein schwarzhaariger Riese mit silbergrauen Fäden an den Schläfen. Er trug Degen und Bandelier und stemmte die Fäuste in die Hüften. Am Schanzkleid des Schiffes bewegte sich ein unwahrscheinlich breitgebauter Mann mit einem riesigen Kreuz und einem Kinn, unter das keine normale Faust paßte. Er sah drohend herüber. Und da war einer, der anstelle seiner rechten Hand nur einen Eisenhaken hatte. Auch ein zweiter tauchte neben ihm auf. Er trug ebenfalls einen eisernen Haken, der ihm die linke Hand ersetzte…
Das Ungetüm, das da heranraste, wurde lange vorher schon auf der Schebecke bemerkt. Es war einer von den Kaventsmännern, die nur selten auftraten und von vielen als unwahr abgetan wurden. Es sah aus wie eine Tsunami, eine Welle, wie sie nach einem heftigen Seebeben entsteht. Unaufhaltsam und immer größer werdend, begann sie auf die Schebecke zuzurollen. Keine Gewalt konnte sie aufhalten. Sie wuchs aus dem Meer, erst langsam und fast elegant dahingleitend. Dabei wurde sie immer höher und türmte sich zu einem Gebirge auf. «Da hilft nichts mehr», sagte Hasard, so ruhig er konnte. «Diesmal ist der Zusammenprall unausweichlich. Nur keine Panik, vielleicht haben wir Glück – vielleicht auch nicht…»
Fast übergangslos brannte das ganze Heck der portugisieschen Galeone, wo sie sechs Culverinentreffer der Schebecke hatte hinnehmen müssen. Hasard segelte von achtern her so dicht an ihr vorbei, daß er die entsetzten Gesichter der Portugiesen erkennen konnte. Die meisten rannten in wilder Angst über die Decks, und zwei Mann sprangen in Panik über Bord. Als sie ganz dicht an der Galeone waren, schleuderten Hasards Söhne zwei Flaschenbomben mit eiskalter Ruhe an Deck. Sie brauchten dazu nicht mal die speziellen Abschußgestelle. Eine der Flaschenbomben krepierte auf der Kuhl, die andere kollerte einen Niedergang hinunter und explodierte dort. Wildes Geschrei war zu hören. Hals über Kopf verließen entsetzte Männer das Achterdeck der jetzt steuerlos in der See treibenden Galeone…
Kaum hatten die Lords auf der «Respectable» erfahren, daß sich an Bord der Schebecke elf Tonnen Gold und Silber befanden, da schnappten sie völlig über. Natürlich wollten sie die wertvolle Ladung beschlagnahmen – für ihre Majestät, die Königin, wie sie behaupteten. Dabei war die Gier in ihren sonst so blasierten Gesichtern nicht zu übersehen. Da wußte Philip Hasard Killigrew, daß es jetzt auf Hieb und Stich gehen würde. In einem Blitzmanöver löste sich die Schebecke von der «Respectable», segelte in den hinteren Teil der Bucht, halste dort, ging auf Gegenkurs und kreuzte an dem ankernden Viermaster vorbei zu Ausgang der Bucht. Auf der «Respectable» hasteten die Geschützbedienungen an die Kanonen. Eine Drehbasse krachte, aber die Kerle waren viel zu aufgeregt, und so jagte der Eisenhagel ins Wasser…
Auf dem Weg nach achtern stand Capitán de Xira eine höllische Überraschung bevor. Die Augen traten ihm aus den Höhlen, seine Atmung setzte aus, und er fühlte, wie die Beine unter ihm nachgaben. Er sackte in die Knie und ließ ein schauriges Ächzen hören. Die ganze Mannschaft beobachtete ihn und nahm an, der Kapitän drehe jetzt durch. Dann folgten ihre Blicke seiner anklagend ausgestreckten Hand, und bei ihnen trat der gleiche Effekt auf. Sie waren sprachlos. Ihre Augen waren wie Marmorkugeln, die riesig groß aus den Höhlen lagen. Vom Achterschiff grinste sie ein Totenschädel an, die Augenhöhlen leer und dunkel. Der Schädel steckte auf dem Rückgrat und dieses wiederum in einer Öffnung, wo der Ruderschaft nach unten führte. «Das Gespenst» schrie Pedro Pascual voller Entsetzten…
Wortlos standen die Arwenacks am Rand der Grube und blickten in den gähnenden Schlund der Hölle. Das waren also die «Gärten der Lustbarkeit». Zwischen den Sklaven dort unten waren andere Inder zu erkennen, die mit geflochtenen Peitschen auf jeden einschlugen, der nach ihrer Meinung zu langsam war. Neben den Arwenacks stieg über eine klapprige Leiter ein Individuum aus der Hölle auf, dessen Augen weiß waren. Die Haut des Mannes war zerfetzt, auf dem ausgedörrten Köper befanden sich eitrige Wunden. Der Mann wankte, mehr tot als lebendig, an ihnen vorbei, leerte seinen Korb aus und torkelte wieder zurück. Er war blind und tastete sich mit seinen gefesselten Beinen vorsichtig an die Leiter heran. Hasard war fast daran, sich zu übergeben, denn der Schwefelgestank wurde immer unerträglicher…
Von der Pier her stürmten bewaffnete Soldaten heran. Die Holzbohlen dröhnten unter ihren Schritten. Von der Galeere des Sultans setzten sich weitere Soldaten ebenfalls in Marsch und liefen über den wackeligen Holzsteg. Hasard wollte seine Freiheit nicht mit dem elenden Dasein eines Galeerensklaven tauschen, und die Arwenacks wollten es auch nicht. Mit einem brüllenden «Ar-we-nack» sprangen sie von der Schebecke und gingen auf die Soldaten los. Innerhalb weniger Augenblicke herrschte in dem ruhigen Hafen von Madras die Hölle. Big Old Shane griff sich gleich zwei Burschen, hob sie jeweils rechts und links an und drosch sie mit den Schädeln zusammen, noch ehe sie ihre Musketen und Krummdolche einsetzen konnten. Es krachte laut, und die beiden Soldaten sausten wie Raketen ins Wasser des Hafenbeckens. Wie ein wildgewordener Bulle stürmte der Exschmied weiter, den Kopf nach unten gesenkt und das mächtige Genick eingezogen…
Die große, gefährliche Katze schnellte heran. Es gab kein Entrinnen und kein Ausweichen mehr. Die Distanz zu ihr schrumpfte schneller zusammen, als Thaki denken konnte. Er versuchte noch, sich zur Seite zu werfen. Dabei sah er den Tiger immer größer und riesiger werden, sah das fürchterliche Gebiß und die breiten und starken Pranken, die wie Keulen durch die Luft hieben. Mit einem wilden Knurren erreichte ihn der erste Prankenhieb und wirbelte ihn durch die Luft. Thaki fühlte einen stechenden Schmerz durch seinen Körper rasen, einen so wilden Schmerz, daß er ihm fast die Besinnung raubte. Er schrie laut und gellend – in der Hoffnung, Sudar möge davon erschreckt werden und von ihm ablassen. Doch was der riesige Tiger einmal in den Pranken hatte, das ließ er nicht mehr los…
Einer der Seesoldaten zielte auf die Schebecke und wollte gerade abdrücken. Der Seewolf überwand die Distanz zu dem Mann so schnell wie ein Panther. Bevor der Kerl seinen Vorsatz in die Tat umsetzen konnte, holte Hasard bereits aus. In dem Schlag lag alle Wut, die sich in den letzten Minuten in ihm angestaut hatte. Eine eisenharte Faust traf den Mann am Schädel und katapultierte ihn über das Schanzkleid. Mit einem Röcheln stürzte er hinunter auf die Schebecke. Dort hob ihn der Profos wie einen nassen Lappen auf und drückte ihn vor das schwarze Kanonenrohr in der Bordwand des Dreideckers, der neben der Schebecke lag. Auf dem Achterdeck der «Respectable» war alles wie erstarrt…
Hasard junior deutete schweigend zu der Lichtung, die sich vor ihnen auftat, und da blieb dem Profos das nächste Wort glatt im Hals stecken. Dort hockten, an dicke Baumstämme gelehnt, fünf Männer, deren Anblick entsetzlich wirkte. Es waren mumifizierte Leichen. Zweien hatte man die Köpfe abgeschlagen. Die drei anderen trugen nur einen Lendenschurz, und einer hatte einen modrigen Turban um den Kopf gewickelt. Die Mumien waren ausgedörrt, teilweise war ihnen das Fleisch von den Knochen gefallen. Die Kopflosen schockierten die Arwenacks noch mehr als die anderen Toten. Den Profos würgte es bei diesem Anblick. Old Donegal stand wie angenagelt und rührte sich nicht von der Stelle. Auch Hasard und Philip junior starrten beklommen auf das grausige Bild…
Ferris Tucker hatte den gebündelten Brandsatz gezündet, und der stob jetzt los wie eine Horde kreischender Affen. Er raste in die Bucht, hinterließ eine grauweiße Rauch- und Qualmwolke und tobte unter höllischer Geräuschentwicklung ein kurzes Stück in den morgendlichen Himmel. Auf der Kriegs-Galeone «Aguila» vergaßen sie für einen Augenblick das Feuern, und später waren sie dazu nicht mehr in der Lage. Der gebündelte Brandsatz hatte seinen Kulminationspunkt erreicht und barst über der Galeone mit einem ekelhaft lauten und schmerzenden Geräusch auseinander. Die ganze Palette chinesischer Feuerwerkskunst brannte schlagartig ab – rote, grüne, goldene und grellweiße Sterne zerplatzten in einem wilden Regen und ergossen sich über die Galeone der Dons…
Der Seewolf hatte das Gefühl, in einer Arena zu stehen. Er hatte das Tor knapp durchschritten, als er eine wogende Menschenmenge vor sich sah. Geraune wurde laut, ein paar aus der Menge begannen zu johlen. Auf einem prunkvollen Podest stand der Padischah. Er schien höhnisch zu grinsen. Die anderen Arwenacks wurden durch das Tor getrieben. Was sie sahen, ließ sie hart schlucken. Da waren vier prächtig aufgeputzte Elefanten mit ihrem Mahauts. Diese mächtigen Tiere waren dazu ausersehen, Hasard, Ben Brighton und Dan O'Flynn zu Tode zu trampeln. Und links von den Elefanten befanden sich zwei Henker mit nackten Oberkörpern. In der Hand hielten sie krumme Schwerter, mit denen die Mannschaft des weißen Teufels geköpft werden sollte. Es schien keinen Ausweg mehr zu geben…
Old Donegal blickte in dem Sarkophag-Raum des Tempels unbehaglich nach links, und da blieb ihm fast das Herz stehen. Er wagte kaum noch Luft zu holen und glaubte deutlich, seine eigenen Knochen klappern zu hören. Zudem rann es ihm wie Eis durch die Adern. In einer großen Nische, vom Fackelschein kaum beleuchtet, aber dennoch gut zu erkennen, hockten verschrumpelte, eingetrocknete Inder am Boden und blickten aus leeren Augenhöhlen vor sich hin. Bis auf einen dürftigen Lendenschurz waren die Toten unbekleidet. Damit die Leichen nicht verwesten, hatte man sie mit dem gleichen Blattgold überzogen und konserviert, das auch das Dach des Tempels zierte. Es mochten etwa ein Dutzend Mumien sein, die die Ehre hatten, den unteren Teil des Tempels zu bewachen. Old Donegal stand bibbernd an der Wand…
Die «Isabella IX.» schlüpfte elegant über die Sandbank weg – nicht so die viermastige Kriegsgaleone «Casco de la Cruz», deren Capitán scharf darauf war, die «Piraten» zu den Fischen zu schicken. Die ungeheure Masse des Viermasters wälzte sich unter vollen Segeln auf die Sandbank und blieb abrupt stehen. Das Schiff lag plötzlich so fest, als hätte es eine Riesenfaust in voller Fahrt gestoppt. Die Kerle, die in den Webleinen der Wanten hingen, verloren übergangslos den Halt, weil niemand mit dem Aufprall gerechnet hatte. Sie flogen mit erstaunten Aufschrei über Bord. Auch der baumlange, dürre Capitán Don Julio de Vilches auf dem Quarterdeck wurde von den Füßen gerissen und krachte auf die Planken, was seiner Nase gar nicht guttat. Der Fockmast brach wie ein morscher Besenstiel, und durch das Batteriedeck polterten losgerissene Vierzigpfünder…
Dan O´Flynn, Luke Morgan und Blacky, getarnt als Fischer in einer Jolle, ließen den spanischen Konvoi an sich vorbeiziehen, beschäftigten sich mit ihrem Netz, behielten die Schiffe aber im Auge, vor allem die «Salvador», das Flaggschiff. Und da blitzte es drüben plötzlich zweimal auf. Durch die Wolke von dichtem schwarzem Qualm waren zwei Feuerzungen zu erkennen. Die Männer duckten sich ganz automatisch, zogen die Köpfe ein und blickten doch in die Richtung, aus der die zwei Geschosse heranorgelten. Die beiden Zehn-Pfünder schlugen fast gleichzeitig ins Wasser ein. Im Wasser war ein Geräusch zu hören, als koche es. Eine Riesenfaust hieb ins Meer und ließ es fontänengleich aufgischten. Über ihre Köpfe rieselte ein warmer Regen. Der zweite Zehn-Pfünder raste dicht an Backbord neben der Jolle ins Wasser…
Carberry jagte mit langen Sätzen zum Bug der Schebecke, wo die Drehbrasse montiert war. Als er sie erreicht hatte, schwenkte er sie blitzschnell herum und zündete den Hinterlader mit dem Luntenstock, den ihm Smoky in die Hand drückte. Die Drehbrasse war mit grob gehacktem Blei geladen. Ein greller Blitz fauchte aus dem Rohr. Im Dschungel fetzten die hohen Stehwurzeln der Mangroven auseinander. Äste regneten herab, dann war da ein heller Aufschrei zu hören. Im einfallenden Sonnenlicht blinkte es auf. Eine Gestalt taumelte zwischen den Wurzeln hervor, torkelte, verlor den Helm und fiel der Länge nach auf den schlammigen Untergrund. Im Tod noch hielt der Don die Muskete umklammert, mit der er den Profos beinahe erwischt hätte…
Zu sehen war nichts mehr, absolut nichts. Nicht mal die eigene Hand sah man mehr vor Augen. Der peitschende Schnee hüllte alles ein, deckte alles zu, webte ein riesiges Leichentuch über die Berge, Schroffen, Schluchten und Pfade und ließ alles vereisen. Mörderische Kälte fraß sich immer tiefer in die Knochen der Männer, die sich zum Ziel gesetzt hatten, Potosi zu erreichen. Da schmerzten die Beine, stachen die Lungen, jagte das Herz, und der Schädel drohte zu zerspringen. Diese brüllende und eisige Berghölle schien nie mehr ein Ende zu nehmen. Mechanisch setzten sie Fuß vor Fuß und folgten dem jeweiligen Vordermann, mit dem sie durch das Seil verbunden waren…
Smoky hatte das Ding im Wasser zuerst erkannt, und Ben Brighton entschloß sich, darauf zuzusegeln. Nach einer Weile entpuppte sich das, was Smoky gesichtet hatte, als kleines Floß mit einer Art Hilfsbesegelung. Mehr schlecht als recht trieb es dahin. Will Thorne ließ sein Essen stehen, auch die anderen stürzten ans Schanzkleid und betrachteten das seltsame Gefährt. Ein Mann lag auf dem Floß. Er rührte sich nicht. Offenbar war es ein Schiffbrüchiger. Sie nahmen das Großsegel ihrer Sambuke weg und steuerten mit auslaufender Fahrt auf das Floß zu. Jetzt erst fuhr der Mann hoch, und sein Aufspringen verriet heilloses Erschrecken. Dann bückte er sich und griff nach einem Dolch, den er angriffsbereit in der Faust hielt…